Wenn Respekt verloren geht – Gedanken zur zunehmenden Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft
Das Thema, wie wir miteinander umgehen, beschäftigt mich gerade sehr. Dieser Umgang hat sich sehr verändert, der Ton ist rauer geworden, Empathie und Mitgefühl scheinen weniger zu werden. Respekt geht verloren und die Grenzen dessen, was wir uns und dem anderen zumuten, werden neu justiert.
...der Zug hat Verspätung und der Zugbegleiter wird beschimpft, obwohl er sie nicht verursacht hat; eine Frau entscheidet sich, eine Beziehung zu beenden, doch der andere kann ihr Nein nicht akzeptieren und aus Kränkung, Kontroll- und Besitzdenken entsteht Gewalt, im schlimmsten Fall ein Femizid; in den sozialen Medien wird aus einer anderen Meinung innerhalb weniger Minuten ein Wortgefecht, aus Worten werden Beleidigungen und nicht selten Drohungen.
Es sind ganz unterschiedliche Situationen und ganz häufig geht es darum, dass etwas nicht so geschieht, wie wir es uns wünschen. Jemand widerspricht uns. Jemand setzt uns eine Grenze. Etwas dauert länger. Wir fühlen uns zurückgewiesen, übergangen, ungerecht behandelt oder nicht ausreichend gesehen.
Für ein friedlicheres Miteinander und für den eigenen inneren Frieden, sollten wir darauf vertrauen können, dass wir und der andere es aushalten.
Eigentlich eine ganz selbstverständliche Fähigkeit. Denn das Leben besteht nicht nur aus Erfüllung. Menschen sagen Nein. Beziehungen scheitern. Kein Mensch denkt und fühlt wie der andere. Dinge gelingen nicht sofort. Manchmal müssen wir stark sein und nachgeben, manchmal verlieren wir, manchmal müssen wir warten und manchmal müssen wir akzeptieren, dass wir etwas nicht bekommen können – so sehr wir es uns auch wünschen.
Doch genau dieses Zuzulassen und Auszuhalten scheint uns zunehmend schwerzufallen.
Vielleicht hat das auch mit einer Welt zu tun, die uns immer stärker an das Sofortige gewöhnt. Die Nachricht wird unmittelbar verschickt, die Antwort möglichst ebenso schnell erwartet. Was uns gefällt, bekommt ein Like, was uns nicht gefällt, wird weggewischt. Produkte kommen am nächsten Tag, Informationen innerhalb von Sekunden. Vieles lässt sich beschleunigen, auswählen, korrigieren oder ersetzen.
Nur Menschen nicht.
Wir funktionieren nicht auf Knopfdruck. Wir haben eigene Wünsche, eigene Grenzen und eigene Entscheidungen. Wir widersprechen. Wir enttäuschen.
All das führt natürlich nicht automatisch zu Gewalt. Aber die Bereitschaft zu aggressivem Verhalten beschäftigt sich auch immer mit der Frage: Wie habe ich gelernt, mit Wut, Frust, Kränkung und Zurückweisung umzugehen? Was habe ich in meiner Kindheit erfahren? Wurde ich gesehen und ernst genommen, wurden mir aber auch Grenzen gesetzt? Welche Vorbilder hatte ich dafür, wie man mit Konflikten, Enttäuschungen und starken Gefühlen umgeht? Habe ich gelernt, dass meine Gefühle sein dürfen, ohne dass ich sie ungefiltert am anderen auslassen darf?
Was geschieht also mit uns, wenn wir immer weniger daran gewohnt sind, Frustration auszuhalten und Gefühle wahrzunehmen und sie zu kontrollieren ?
Wo beginnt der Augenblick, in dem Ärger in Aggression umschlägt. Was passiert in dem Moment, in dem aus einem „Ich bin anderer Meinung“ ein „Du bist nichts wert“ wird. Wie wird aus dem Beschimpfen und Entwürdigen eines Menschen im Netz scheinbare Selbstverständlichkeit? Und was folgt auf die Vorstellung, ein anderer Mensch müsse sich so verhalten, wie ich es erwarte – und sein Nein sei etwas, das sich gegen mich richtet und ich deshalb nicht akzeptieren kann.
Gewalt beginnt deshalb nicht immer erst mit dem ersten Schlag.
Manchmal beginnt sie da, wie wir den anderen wahrnehmen. In der Sprache, der wir uns bedienen. Im Verlust des Respekts vor der Grenze des anderen. Vielleicht aber auch in der Unkenntnis meiner eigenen Grenzen und in der Unfähigkeit diese zu verteidigen.
Vielleicht müssen wir uns dieser Fähigkeiten wieder bewusster werden, bei uns selbst und bei unseren Kindern. Nicht jede Enttäuschung sofort aus dem Weg räumen. Nicht jeden Konflikt vermeiden. Nicht jede unangenehme Situation augenblicklich beenden. Und vor allen Dingen Beziehung, Vertrauen in mich und in den anderen wieder erlernen?
Denn Nachzugeben und Frustrationen auszuhalten, bedeutet nicht, schwach zu sein. Im Gegenteil. Es bedeutet, die eigenen Gefühle tragen zu können, ohne sie einem anderen aufzubürden. Und im Umkehrschluss, die Gefühle des anderen zu respektieren und bei ihm zu lassen.
Darin sehe ich eine Stärke, über die wir viel zu selten sprechen. Und vielleicht liegt genau darin auch eine Chance: wir entscheiden, wie wir miteinander leben wollen und können es gestalten, mit unseren Worten, unseren Reaktionen und mit der Art, wie wir dem anderen begegnen.
Und wir, hier bei der Berliner Rederei, können Euch dabei helfen, diesen Weg zu respektvoll zu gestalten.
Gudrun, Okt. 2026