Hochsensibilität

„Die Bahn ist heute überfüllt. Menschen drängen sich aneinander, reden durcheinander, Handys klingeln, ein Baby schreit. Für andere ist das normal. Vielleicht nervig, aber aushaltbar. Für mich ist es die Hölle. Jedes Geräusch bohrt sich in meinen Schädel wie eine Nadel. Das grelle Neonlicht brennt in meinen Augen. Der Geruch fremder Körper, vermischt mit Parfum und Schweiß, lässt mir die Übelkeit hochsteigen. Ich presse mich in die Ecke, schließe die Augen, versuche zu atmen. Aber es ist zu viel. Alles ist zu viel.

Als ich endlich aussteige, zittere ich. Meine Kollegin, die neben mir stand, schaut mich verwundert an. "Alles okay?", fragt sie. Ich nicke, presse ein Lächeln aus mir heraus. "Nur müde." Aber es ist nicht Müdigkeit. Es ist diese Überwältigung, die mich mitunter jeden Tag begleitet. Eine zu große Herausforderung, Reize zu filtern, die andere scheinbar mühelos ausblenden können.

Im Büro wird es nicht besser. Das Flackern der Bildschirme. Das Tippen auf Tastaturen. Das leise Summen der Klimaanlage. Jemand isst einen Apfel – das Knacken bei jedem Biss fühlt sich an, als würde es direkt in meinem Kopf stattfinden. Ich will schreien: "Hört auf! Seid leiser! Seid weniger!" Aber ich sage nichts. Ich bin ja schließlich professionell.

"Du bist zu empfindlich", hat mein Chef letzte Woche gesagt, als ich darum bat, nicht im Großraumbüro sitzen zu müssen. Er hat es nicht böse gemeint. Aber seine Worte haben getroffen. Zu empfindlich. Als wäre es eine Schwäche. Ein Charakterfehler. Etwas, das ich einfach abstellen könnte, wenn ich nur wollte.

Abends nach der Arbeit bin ich erschöpft. Nicht, weil die Arbeit selbst so anstrengend war, sondern weil allein das Existieren in dieser Welt all meine Energie aufgesaugt hat. Meine Mitbewohnerin fragt, ob ich Lust habe, noch etwas zu unternehmen. Ich lehne ab. Wieder. Ich sehe die Enttäuschung in ihren Augen. "Du bist immer so zurückgezogen", sagt sie. Aber sie versteht nicht. Für sie ist ein Abend in der Stadt Entspannung. Für mich wäre es eine weitere Schlacht gegen die Reizüberflutung.

Die Beziehungen leiden darunter. Freunde hören auf zu fragen, ob ich mitkomme. "Du sagst ja eh immer ab." Sie haben recht. Ich sage ab. Weil Konzerte, Bars, Parties – all das mich nicht mit Freude erfüllt, sondern mit Angst. Angst vor den lauten Stimmen, dem grellen Licht, den Menschenmassen. Angst davor, mittendrin zusammenzubrechen und wieder einmal "die Spielverderberin" zu sein.“

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